Praxis-Depesche 24/2004

Dysplastische Naevi - Diagnose, Therapie, Prognose

Die Prävalenz dysplastischer (atypischer) Naevi beträgt Schätzungen zufolge zwischen 7 und 18%. Dermatologen der Universität Gent, Belgien, diskutieren, wie diagnostisch und therapeutisch vorzugehen ist.

Klinische Charakteristika

Bei gewöhnlichen Naevi handelt es sich um makuläre oder papuläre Läsionen mit klarer, regelmäßiger Begrenzung. Ihre Farbe ist homogen, ihr Durchmesser beträgt selten mehr als 5 mm. Atypische Naevi sind ebenfalls makulär oder makulopapulär, aber unregelmäßig in der Form und vom umliegenden Gewebe nicht scharf abgegrenzt. Ihre Farbe variiert von gelbbraun über rosa bis rot; sie sind meist größer als 5 mm.

Melanom-Risiko

Dysplastische Naevi gehen mit einem erhöhten Risiko für ein malignes Melanom einher. Das altersadjustierte Risiko für einen solchen Hautkrebs liegt bei Patienten mit dysplastischen Naevi rund 15-mal höher als in der Allgemeinbevölkerung. Es steigt mit der Zahl der Naevi sowie bei familiärer Melanom-Belastung. Wenn ein Patient mit dysplastischen Naevi bereits einmal ein Melanom hatte, ist das Risiko für ein weiteres Melanom um etwa das 100-fache erhöht. Sind wenigstens zwei Familienangehörige an einem Melanom erkrankt, steigt das Risiko um das 200-fache. Hatten sowohl der Patient als auch mindestens zwei Familienangehörige ein Melanom, ist das Risiko für ein weiteres Melanom sogar um den Faktor 1200 erhöht. Melanome können sich allerdings nicht nur in dysplastischen Naevi entwickeln, sondern auch in unauffälliger Haut auftreten. Die Unterscheidung zwischen dysplastischem Naevus und Melanom, sowohl klinisch als auch histologisch, bereitet oft auch Experten Probleme.

Prophylaktische Exzision?

Nach der vorliegenden Evidenz ist es nicht nötig, die klinische Diagnose eines dysplastischen Naevus histologisch zu bestätigen. Ungeachtet der bekannten Assoziation zwischen dysplastischen Naevi und Melanom-Risiko ist in der großen Mehrzahl der Fälle keine Progression zu einem Melanom zu erwarten. Gegen eine prophylaktische Exzision wird von einigen Experten zudem der Einwand erhoben, dies würde den Patienten in falscher Sicherheit wiegen, da das erhöhte Melanom-Risiko unabhängig von einer Exzision weiterbestehe. Teilweise wird gefordert, zumindest solche Naevi zu entfernen, die wegen ihrer Lokalisation schwer zu beobachten sind. Der Nutzen eines solchen Vorgehens ist allerdings nicht durch Studien bewiesen.

Follow-up

Da die Früherkennung eines Melanoms klinisch relativ einfach möglich ist, wird Patienten mit dysplastischen Naevi zu regelmäßigen dermatologischen Untersuchungen geraten. Verschiedene Studien zeigen, dass bei Untersuchungen alle drei Monate bis einmal jährlich ein höherer Prozentsatz von Melanomen in einem frühen, bei rechtzeitiger Therapie prognostisch günstigen Stadium entdeckt werden kann. Der Nutzen der regelmäßigen Selbstinspektion des Patienten ist nicht durch randomisiert-kontrollierte Studien belegt. Eine Studie mit 650 Melanom-Patienten ergab einen Überlebensvorteil für die Patienten, die ihre Haut selbst untersuchten. Weil die Selbstuntersuchung relativ einfach ist und keine Kosten verursacht, wird sie ungeachtet der fehlenden Daten routinemäßig empfohlen. Da Patienten mit dysplastischen Naevi ein erhöhtes Risiko für okuläre Melanome haben, empfehlen einige Experten, dass zumindest bei dysplastischem-Naevus-Syndrom einmal jährlich eine augenärztliche Untersuchung erfolgen sollte. (Der Terminus "dysplastisches Naevus-Syndrom" wird sehr uneinheitlich verwendet; i. a. gilt diese Bezeichnung für Patienten mit 100 oder mehr Naevi.)

Bedeutung von Sonnenschutz

Untersuchungen zeigen, dass Kinder, die mit Sonnenschutzmitteln vor der Sonneneinstrahlung geschützt wurden, später weniger dysplastische Naevi entwickeln als Kinder, die nur mit Kleidung geschützt wurden. Eine jüngere Studie kam zu dem Ergebnis, dass Breitspektrum-Sonnenschutzmittel bei Kindern mit Sommersprossen die Entwicklung dysplastischer Naevi reduzieren können. Ob der Einsatz von Sonnenschutzmitteln auch die Inzidenz maligner Melanome beeinflusst, ist nicht ausreichend untersucht. Verschiedene Experten befürchten außerdem, dass die Verwendung von Sonnenschutzmitteln von einigen Patienten als Freibrief für übermäßige Sonnenexposition verstanden werden und so zu einem Anstieg des Melanom-Risikos beitragen könnte. Patienten sollten daher angehalten werden, eine Sonnenexposition während der Stunden intensivster UV-B-Strahlung (12 bis 16 Uhr) zu vermeiden, sich mit entsprechender Kleidung vor den Sonnenstrahlen zu schützen und außerdem ein Breitspektrum-Sonnenschutzmittel (LSF 15 oder höher) für unbedeckte Hautareale zu verwenden.

Dermatoskopie

Bei der Dermatoskopie (Epilumineszenz-Mikroskopie) handelt es sich um ein nicht-invasives Verfahren, bei dem Öl-Immersion und optische Vergrößerung benutzt werden, um die Epidermis durchscheinend zu machen und Strukturen zu visualisieren, die dem bloßen Auge nicht sichtbar sind. Auf diese Weise lassen sich melanozytäre von nicht-melanozytären Pigmentläsionen unterscheiden und gutartige, verdächtige und maligne melanozytäre Läsionen abgrenzen. Studien zeigen, dass sich die Diagnoserate mit der Dermatoskopie deutlich verbessern lässt.

Beratung der Patienten

Patienten mit dysplastischen Naevi sollten über das Melanom-Risiko aufgeklärt und angehalten werden, auf Alarmzeichen zu achten (ABCD-Regel: Asymmetrie, unregelmäßige Begrenzung, Farbveränderungen, Durchmesser von mehr als 6 mm). Außerdem sind sie über adäquaten Sonnenschutz zu beraten. Für die Verlaufsbeobachtung eignet sich die digitale standardisierte Foto-Dokumentation. Patienten, die noch kein Melanom hatten, sollten sechs Monate nach der Erstuntersuchung und dann einmal jährlich damit untersucht werden. (UB)


Quelle: Naeyaert, JM: Dysplastic Neve, Zeitschrift: NEW ENGLAND JOURNAL OF MEDICINE, Ausgabe 349 (2003), Seiten: 2233-2240


GFI Der Medizin-Verlag

Anschrift

GFI. Gesellschaft für medizinische Information mbH
Paul-Wassermann-Straße 15
81829 München

Telefon: +49 89 4366300
Fax: +49 89 436630210
E-Mail: info@gfi-online.de

Copyright © 2017, GFI | AGB | Sicherheit und Datenschutz | Impressum