Deutliche Häufung

Praxis-Depesche 5/2012

Akne inversa – und dann auch noch metabolisches Syndrom?

Mehrere chronische entzündliche Erkrankungen sind mit dem metabolischen Syndrom und seinen Konsequenzen inklusive Arteriosklerose, KHK und Apoplex assoziiert. Mitarbeiter verschiedener Abteilungen der Charité haben eine Untersuchung zur Prävalenz bei Patienten durchgeführt, die an Akne inversa leiden. Die Ergebnisse zeigen: Die Betroffenen brauchen Risikofaktoren-Analysen und entsprechende Therapie.

Die Prävalenz der Akne inversa (AI) oder Hidra­denitis suppurativa beträgt 1 bis 4%. Die chronische, destruktive und narbenbildende entzündliche Erkrankung betrifft meist die intertriginöse Haut perianal, inguinal und in der Axilla, kann aber auch unter den Mammae, periumbilikal, retroaurikulär und am Nacken vorkommen. Sie beginnt mit Stase in der Haarfollikel-Einheit durch Hyperkeratose und Hyperplasie des follikulären Epithels und mit Bildung subkutaner Knötchen. Bereits dann bestehen Immunzell-Infiltrate. Die Knötchen platzen oder fusionieren und bilden tiefe Hautabszesse. Bakterien, die sich in betroffenen Haarfollikeln halten, unterstützen Immunzell-Infiltration und Entzündung; es wird ein eitriges Exsudat gebildet.

Im späten Stadium kommt es zu schmerzhaften fistelnden Taschen und großen verhärteten entzündlichen Plaques mit ausgedehnter Narbenbildung. Ohne Therapie ist das Leiden chronisch und progredient. Es ist den Patienten peinlich und kann sie in die soziale Isolation führen.

Derzeit ist die Therapie mit den besten kurativen Aussichten die Operation. Bei großen Läsionen sind Rekonstruktionen notwendig. Verbesserungen (ohne Heilung) wurden mit Antibiotika undTNF-a-Blockern erzielt.*

Zu entzündlichen Leiden, die mit dem metabolischen Syndrom assoziiert sind, zählen die rheumatoide Arthritis und die Psoriasis. Ob die AI auch dazu gehört, wurde mit einem Vergleich von 80 Betroffenen und 100 Kontrollpersonen untersucht. Die Patienten über 18 Jahren ohne maligne Erkrankungen hatten noch nie Immunsuppressiva erhalten. Die AI war klinisch diagnostiziert worden anhand typischer Läsionen, typischer Topographie und anhaltender oder rezidivierender Läsionen. Den Schweregrad des Leidens gab man mit dem Sartorius-Score an. Die anderen Teilnehmer, die in Alter und Geschlecht zu den Patienten passten, waren u. a. über das Internet und über Plakate gefunden geworden.

Die Henne-oder-Ei-Frage

Ein metabolisches Syndrom wurde nach NCEP-ATP III festgestellt (US National Cholesterol Education Program Adult Treatment Panel III), wenn drei oder mehr Kriterien vorlagen: zentrale Adipositas mit Taillenumfängen ab 102 bzw. 88 cm bei Männern bzw. Frauen, HDL-Cholesterin im Plasma unter 40 bzw. 50 mg/dl, Plasma-Triglyzeride ab 150 mg/dl, RR ab 130/85 mmHg oder Antihypertensiva-Einnahme und Nüchtern-BZ ab 110 mg/dl oder entsprechende Medikation.

Zentrale Adipositas, Hypertriglyzeridämie, niedrige HDL-Werte und Hyperglykämie fanden sich häufiger bei den AI-Patienten (Odds Ratios 5,88, 2,24, 4,56 und 4,09). Ein metabolisches Syndrom wiesen 40% der Patienten und 13% der Kontrollpersonen auf. Die Werte der betroffenen Patienten waren schlechter als die der Personen mit metabolischem Syndrom aus der Kontrollgruppe.

Die Autoren fragten sich, welche Mechanismen für die erhöhte Prävalenz des metabolischen Syndroms bei AI-Patienten verantwortlich sein könnten. Wäre die chronische Entzündung schuld, sollten Ausmaß der metabolischen Veränderungen und Schweregrad oder Dauer der AI korrelieren. Dies war aber (anders als bei Psoriasis) nicht der Fall. Es fand sich auch kein Zusammenhang mit dem Alter, in dem die AI festgestellt worden war; Patienten mit relativ leichter AI waren beim metabolischen Syndrom nicht besser dran als die schwer erkrankten. Patienten, die schon operiert worden waren, hatten einen niedrigeren Sartorius-Score als die übrigen, es fanden sich aber bei keinem der Kriterien Unterschiede. All diese Daten lassen annehmen, dass die Entzündung bei AI keinen größeren Einfluss auf die Stoffwechselveränderungen hat.

Anders als sonst waren ältere AI-Patienten nicht stärker vom metabolischen Syndrom betroffen als die jüngeren. Es fand sich bei überproportional vielen jungen, z. T. sehr jungen Patienten (ca. 40% der unter 35-Jährigen).

Die Verfasser spekulieren, dass die metabolischen Veränderungen nicht sekundäre, sondern primäre Ereignisse bei AI sein könnten. Es ist bekannt, dass Stoffwechselveränderungen zur Minderdurchblutung der gefährdeten Hautregionen führen können. Der Hypothese, dass sich dann (u. a. via Interleukin-Produktion) Bakterien besser in der Haut halten, sollten weitere Studien nachgehen.

An Ärzte, die AI-Patienten betreuen, wird appelliert, deren Stoffwechsel und Blutdruck zu überwachen und kardiovaskuläre Risikofaktoren so weit möglich zu korrigieren. SN

*weitere Informationen: Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Koloproktologie und der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, http://www.awmf.org/ leitlinien/detail/ll/013-012.html

Quelle: Sabat R etal.: Increased prevalence of metabolic syndrome in patients with acne inversa, Zeitschrift: PLoS ONE, Ausgabe 7 (2012), Seiten: e31810
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