Fallsammlung aus Frankreich | Praxis-Depesche 12/2012

Akute Mastoiditis bei Kindern: Die Häufigkeit nimmt nicht ab

Alle von ihnen behandelten Mastoiditiden von 1999 bis 2009 beschreiben die Leiterin der HNO- und Kopf-Hals-Chirurgie-Abteilung der Universität von Rouen und vier Mitarbeiter. Man rechne mit lebensbedrohlichen Komplikationen der Entzündung.

Die akute Otitis media ist die häufigste Erkrankung in den USA und in Europa, die antibiotisch behandelt werden muss. Wegen zunehmender Resistenzbildung bei vielen relevanten Keimen haben Leitlinien zu Einschränkung der Antibiotika-Verschreibung geraten. Eine Zunahme der Mastoiditis-Inzidenz in den letzten zehn Jahren wurde beschrieben; lebensbedrohliche Komplikationen inkl. Thrombosen der Sinus laterales und intrakranielle Abs­zesse werden weiterhin gesehen.

Man nimmt an, dass sich das Erregerspektrum aufgrund von Resis­tenzen sowie Impfungen gegen S. pneumoniae und H. influenzae verändert hat. Die Autoren wollten daher Pathogene und Behandlungen analysieren. Sie durchsuchten die Krankenakten aller unter 16-jährigen Patienten ihrer Abteilung von 1999 bis 2009. Die Diagnose akute Mastoiditis erklärten sie für bestätigt, wenn die Untersuchung klinische Kriterien ergeben hatte: Schwellung hinter dem Ohr mit Erythem unterschiedlichen Grades, Empfindlichkeit, abstehende Ohrmuschel.

Das Krankheitsbild ist definiert als bakterielle Entzündung des knöchernen Zellsys­tems des Mastoids während oder nach einer akuten Otitis media.

Betroffen waren 36 Kinder (Alter im Schnitt 31,8 Monate) mit einem Trend zu zunehmender Inzidenz. 63,2% hatten vorher im Mittel 7,6 Tage lang Antibiotika wegen Otitis media erhalten. Bei allen wurde ein CT gemacht; bakteriologisch untersucht wurden Ohrsekrete und Proben nach Myringotomie (Parazentese) und Mastoidektomie (80% der Keime in der Klinik waren sensibel gegenüber der Vormedikation, 20% intermediär). Zehnmal lag eine Perios­titis vor, 26-mal ein subperiostaler Abszess. Es fand sich 13-mal S. pneumoniae (bei vier Säuglingen nach Impfung), je fünfmal S. pyogenes A (besonders gefährlich) und Staph. epidermidis, je dreimal P. aeruginosa und Fusobacterium necrophorum sowie einmal H. influenzae. Sechsmal waren die Kulturen negativ.

Die Autoren erläutern, welche Antibiotika infundiert wurden. Bei elf bilateralen Parazentesen wurden Paukenröhrchen gesetzt (acht­­mal nur einseitig). Dreimal punktierte man zudem retroaurikulär (einmal negatives Ergebnis). Bei 24 Kindern (mit Abs­zess) fanden Parazentesen plus Mas­toidektomien statt. Ein Kind ohne Abszess erhielt nur Antibiotika. Wegen Thrombosen lateraler Sinus mussten zwei Kinder sechs Wochen lang heparinisiert werden. Einmal hatte die Thrombose den Sinus cavernosus erreicht, im zweiten Fall lag ein subdurales Empyem vor. Die kleinen Patienten erholten sich gut. Thrombosen lateraler Sinus fanden sich auch in zwei weiteren Fällen sowie einmal ein Bezold-Syndrom* mit Schwindel. Die Verfasser diskutieren ausführlich das übliche altersabhängige Erregerspektrum mit möglichen Änderungen sowie Therapien u. a. m. SN

*zur Bezold-Mastoiditis gehört ein Senkungsabszess unter die seitliche Hals- und Nackenmuskulatur

Quelle: Gorphe P et al.: , Zeitschrift: EUROPEAN ARCHIVES OF OTO-RHINO-LARYNGOLOGY, Ausgabe 269 (2012), Seiten: 455-460; doi: 10.1007/s00405-011-1667-y

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