Von Bauchweh bis Krampfanfall | Praxis-Depesche 4/2010

Der Verdacht macht´s bei Krisen akuter Porphyrien

Drei Professoren, alle unter anderem am Centre Français des Porphyries tätig, fassen zusammen, was heute über Porphyrien bekannt ist. Die Chancen, sie zu erkennen, erscheinen bei kutanen Formen und bei denen mit meist frühkindlicher Manifestation höher als bei den akuten Porphyrien, die hier herausgegriffen werden sollen.

B ei Porphyrien akkumulieren infolge spezifischer Enzymstörungen Vorläufer von Häm. Dieses Molekül wird in jeder Zelle hergestellt, v. a. in der Leber (für Zytochrome und Hämoproteine) und in erythropoetischen Zellen (für Hämoglobin). Porphyrien werden oft in hepatische und erythropoetische unterteilt. Praktischer ist eine Einteilung nach der Klinik (siehe Kasten).

Von den autosomal-dominanten akuten Porphyrien Betroffene können plötzlich in eine lebensbedrohliche Krise kommen. Krisen sind wegen geringer Penetranz des Gendefekts selten, unspezifisch und schwer zu erkennen. Hautzeichen finden sich nie bei akuter intermittierender P. Sie sind in 60% die einzige Manifestation bei P. variegata (in Europa halb so häufig) und bei hereditärer Koproporphyrie rar (5%).

Krisen kommen vor der Pubertät und nach der Menopause sehr selten vor (bei Frauen häufiger). Die meisten Patienten machen eine oder wenige durch und erholen sich danach völlig. Weniger als 10% der Fälle verlaufen rezidivierend (bei schwerster akuter intermittierender P. Lebertransplantation erwägen).

Unruhe vor dem Sturm

Akute Attacken beginnen mit einem Prodrom inkl. geringer Verhaltensveränderungen wie Ängstlichkeit, Ruhe- und Schlaflosigkeit. Meist stellen sich schwere Bauchschmerzen ein; der Schmerz kann aber auch in Rücken oder Oberschenkeln gespürt werden. Nausea, Erbrechen und Obstipation sind häufig, ebenso Tachykardie, vermehrtes Schwitzen und Hypertonie. Oft kommt es zu Dehydratation und Elektrolytstörungen (Hyponatriämie durch inadäquate ADH-Sekretion in 40%, kann zu Krampfanfällen führen, wie auch wenig Mg oder die Porphyrie selbst). Manchmal hilft verfärbter Urin bei der Diagnose. Meist findet sich bei unauffälliger körperlicher Untersuchung im Röntgen nichts oder ein leichter Ileus. In 20 bis 30% kommt es zu mentalen Störungen wie Angst, Depression, Halluzinationen, Paranoia oder Konfusion.

Die meisten Attacken dauern nicht länger als ein bis zwei Wochen. Neurologische Komplikationen können das Leben bedrohen. Oft entsteht eine v. a. motorische Neuropathie, wenn in der Krise porphyrinogene Mittel gegeben werden. Schmerzen in Armen und Beinen sind dann sehr häufig. Paresen können strikt lokalisiert sein; aber auch Tetraplegie, Atemlähmung, Bulbärparalyse, Somnolenz, Koma u. a. m. kommen vor. Sehr selten begleitet die Attacke eine schwere adrenerge Krise (Hypertonie, Enzephalopathie etc.).

Der erste Test bei V. a. akute Porphyrie heißt Porphobilinogen im Urin. Überschreitet es die zehnfache Obergrenze, kann sofort behandelt werden (Hämin hemmt die ALAs1, 5-Aminolävulinsäure-Synthase 1, in der Leber; Elektrolytkorrektur u. a. m.). Messung der 5-Aminolävulinsäure (ALA) kann differenzialdiagnos­tisch hilfreich sein (z. B. für Doss-Porphyrie). Mit weiteren Laborwerten lässt sich der Porphyrie-Typ ermitteln.

Um Attacken bei latent Erkrankten zu verhindern, ist ein Familienscreening obligatorisch. Goldstandard ist die DNA-Analyse (die Human Gene Mutation Database erfährt regelmäßige Updates*). Enzyme werden gemessen, wenn sich keine Mutation findet. Dies sollte an einem Referenzzentrum geschehen.

Alle akuten Zeichen lassen sich durch Nervensystem-Läsionen erklären (Hypothese neurotoxischer Metaboliten). Krisen lösen Ereignisse aus, die (in-)direkt die ALAS1 beeinflussen wie Hormonschwankungen im Zyklus, Fasten, Rauchen, Infektionen und porphyrinogene Arzneimittel (Listen im Internet**). Träger eines Gendefekts brauchen Beratung zu ­Lebensstil, Arzneien und zu assoziierten ­Risiken. Erfordern Therapie oder Medikamenten-Gabe für andere Leiden schwierige Entscheidungen, kontaktiere man ein Porphyrie-Zentrum. Dies ist auch bei wiederholten ­Krisen wegen dann entstehender Therapieprobleme nötig. SN

*http://www.hgmd.org; **http://www.drugs-porphyria.org; http://www.porphyria-europe.com

Porphyrien im Überblick*
Quelle: Puy, H: Porphyrias, Zeitschrift: THE LANCET, Ausgabe 375 (2010), Seiten: 924-937

Alle im Rahmen dieses Internet-Angebots veröffentlichten Artikel sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch Übersetzungen und Zweitveröffentlichungen, vorbehalten. Jegliche Vervielfältigung, Verlinkung oder Weiterverbreitung in jedem Medium als Ganzes oder in Teilen bedarf der schriftlichen Zustimmung des Verlags.

Ihr Zugang zu exklusiven Inhalten für Fachkreise

Login für Fachkreise

Neu registrieren

Passwort vergessen?

Anzeige

Neu: Digitales Messen – berührungslos, schnell, mobil

Mit medi vision bringt der Hersteller medi erstmals ein berührungsloses, digitales Messtool auf den Markt. Erfahren Sie mehr im Video.