| Praxis-Depesche 10/2004

Essenzieller Tremor - die Last erleichtern

Der essenzielle Tremor ist eine häufige Bewegungsstörung, die den Alltag erschwert und soziale Aktivitäten einschränkt. Wichtig für Patientenschulung und Therapie ist die Abgrenzung gegenüber anderen Tremor-Syndromen.

Formen

Neben dem physiologischen Tremor (bei Kälte, Anstrengung, emotionalem Stress) unterscheidet man Ruhe- und Bewegungstremor. Ruhetremor (typisch für Parkinsonismus) wird in der Regel durch willkürliche Bewegungen unterdrückt. Bewegungstremor entsteht, wenn Muskeln willkürlich kontrahiert werden; er umfasst Haltungs-, Bewegungs- und isometrischen Tremor. Ein Haltungstremor kann ausgelöst werden, wenn der Betroffene versucht, eine bestimmte Position gegen die Schwerkraft aufrecht zu erhalten (z. B. den ausgestreckten Arm). Bewegungstremor entsteht bei willkürlichen Bewegungen, etwa beim Schreiben oder Trinken aus einer Tasse. Intentionstremor ist eine Sonderform des Bewegungstremors, bei dem das Zittern am Ende der Bewegung immer stärker wird.

Epidemiologie

Der essenzielle Tremor weist eine bimodale Altersverteilung auf, mit Spitzen zwischen 15 und 20 sowie 50 und 70 Jahren. Die Angaben zur Häufigkeit schwanken sehr; wahrscheinlich sind Zahlen um 4000 auf 100 000 Personen über 65.

Pathophysiologie

Wie "essenziell" andeutet, sind die genauen Ursachen unbekannt. Spezifische sturkturelle Hirnläsionen konnte man bislang nicht identifizieren. Man nimmt aber an, dass eine neuronale Schädigung im Kleinhirn vorliegt. Bestimmte biochemische Marker sind in ihrer Konzentration verändert. So findet man im Vergleich zu Gesunden niedrigere GABA-, Glyzin- und Serin-Spiegel im Liquor, während Glutamat leicht vermehrt ist. Neuroimaging-Studien zeigen Anomalien an den thalamischen GABA-A-Rezeptoren. Auch die Noradrenalin-Spiegel sind in bestimmten Hirnbezirken erhöht, z. B. im Nucleus dentatus. Das würde auch die Wirksamkeit von Betablockern bei essenziellem Tremor erklären.

Genetik

Genmutationen wurden bei familiärem Tremor gefunden; sie sind aber selten. Lediglich bei Ausbruch in jungen Jahren scheint der genetische Einfluss stärker zu sein. In diesen Fällen nimmt das Risiko im Lauf des Lebens dann eher ab.

Diagnostik

Die Diagnose wird anhand der klinischen Untersuchung in Verbindung mit ausführlicher Anamnese und Familienanamnese und in Abgrenzung gegenüber anderen Tremorsyndromen gestellt. Sehr wichtig ist die Frage nach Medikamenten und Drogen, da viele Substanzen ein Zittern auslösen können. Neben Alkohol (im Entzug) sind das vor allem Antiarrhythmika, Sympathomimetika, Antidepressiva, Lithium und Neuroleptika. Bei der Untersuchung sollte man nach Faktoren fragen, die den Tremor verstärken oder abmildern. Auf weitere neurologische Symptome ist zu achten. Handelt es sich um Ruhe-, Haltungs- oder Bewegungstremor? Hauptsymptom des essenziellen Tremors ist ein bilateraler Haltungs- oder Bewegungstremor, der hauptsächlich die Hände betrifft. In 20% der Fälle besteht auch ein Ruhetremor; hier ist die Abgrenzung zum Parkinsonismus erforderlich. Der am zweithäufigsten befallene Körperteil ist der Kopf, gekennzeichnet entweder durch ein horizontales Nein-Nein- oder ein vertikales Ja-Ja-Tremormuster. Seltener sind andere Teile des Körpers einbezogen (Beine, Kinn, Rumpf).

Auswirkungen

Anders als der Ruhetremor, der sich bei Bewegung bessert, kann ein Bewegungs- oder gar Intentionstremor den Betroffenen schwer beeinträchtigen. Essen, Trinken, Schminken oder Schreiben werden erschwert oder gar unmöglich gemacht. Beruflich kann das das Aus bedeuten. Viele Patienten mit essenziellem Tremor erarbeiten sich allerdings Fähigkeiten, mit denen sie die Behinderung teilweise kompensieren. Auch in alltäglichen Dingen kann man sich oft behelfen, z. B. mit Trinkhalmen oder schnürsenkellosen Schuhen. Viel schwerer als die funktionellen Behinderungen wiegt für die meisten Tremorpatienten die psychosoziale Beeinträchtigung. Kopf- oder Stimmtremor sind beim Auftreten in der Öffentlichkeit sehr belastend und werden durch den Stress noch verstärkt, mit der Folge, dass der Betroffene sich immer mehr zurückzieht. Denn auch die Pharmakotherapie kann gerade Kopf- und Stimmtremor nur wenig bessern. Da solche Patienten nicht selten depressiv werden, ist eine psychologische Betreuung hier besonders wichtig.

Therapie

Ziel der Behandlung ist es, die funktionelle Behinderung des Patienten zu minimieren, ihn aus dem sozialen Abseits zu holen und seine Lebensqualität zu verbessern. Dafür kommen Physio- und Verhaltenstherapien, psychologische Betreuung, Veränderungen des Lebensstils, medikamentöse Behandlung und chirurgische Eingriffe infrage. In der Pharmakotherapie stehen Betablocker an erster Stelle. Sie können den Tremor erheblich reduzieren. Weist der Patient Kontraindikationen gegen Betablocker auf, versucht man es mit den Antikonvulsiva Primidon oder Gabapentin. Auch Kombinationen sind möglich. Speziell für Patienten mit Kopf- und Stimmtremor, die kaum auf andere Medikamente ansprechen, setzt man Injektionen mit Botulinum-Toxin ein. Benzodiazepine bessern den Tremor ebenfalls, sind aber wegen des Gewöhnungseffekts und der zentralen Nebenwirkungen gerade bei älteren Menschen problematisch und keine Dauerlösung. Auch wenn man Alkohol kaum als Therapeutikum empfehlen kann, so hilft er doch in Ausnahmefällen, den essenziellen Tremor in den Griff zu bekommen. Ein Glas Wein z. B. reicht oft aus, das Zittern bis zu eine Stunde zu unterdrücken. Danach tritt der Tremor im Sinne eines Rebound-Effekts allerdings oft verstärkt auf. Für ausgewählte Patienten mit schwerem Tremor, der auf Pharmaka nicht anspricht, kommen chirurgische Maßnahmen wie stereotaktische Thalamotomie oder thalamische Tiefenhirn-Stimulation infrage, wobei letzterer in der Regel der Vorzug gegeben wird. (EH)

Quelle: Chen, JJ: Essential tremor: diagnosis and treatment, Zeitschrift: PHARMACOTHERAPY, Ausgabe 23 (2004), Seiten: 1105-1122

Alle im Rahmen dieses Internet-Angebots veröffentlichten Artikel sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch Übersetzungen und Zweitveröffentlichungen, vorbehalten. Jegliche Vervielfältigung, Verlinkung oder Weiterverbreitung in jedem Medium als Ganzes oder in Teilen bedarf der schriftlichen Zustimmung des Verlags.

Ihr Zugang zu exklusiven Inhalten für Fachkreise

Login für Fachkreise

Neu registrieren

Passwort vergessen?

Anzeige

Neu: Digitales Messen – berührungslos, schnell, mobil

Mit medi vision bringt der Hersteller medi erstmals ein berührungsloses, digitales Messtool auf den Markt. Erfahren Sie mehr im Video.