Praxis-Tipp | Praxis-Depesche 6/2019

HIV-Postexpositionsprophylaxe: Wenn jede Minute zählt

Ein Kontakt mit dem Humanen Immundefizienz-Virus (HIV) muss nicht zwangs-läufig in einer Infektion münden. Wird innerhalb von 72 Stunden nach einer HIV-Exposition eine Postexpositionsprophylaxe (PEP) eingeleitet, kann das Risiko einer Infektion mittels antiretro viraler Therapie (ART) auf ein  Minimum reduziert  werden. Da aber für die Konsultation  eines Spezialisten in vielen Fällen nicht genug Zeit bleibt, sollte auch der Primärversorger mit der Indikations stellung und den Behandlungsschritten der HIV-PEP vertraut sein.

Ob eine HIV-PEP indiziert ist, sollte in jedem Fall individuell auf Basis einer sorgfältigen Risikoevaluation entschieden werden, wobei sowohl die Art der Exposition als auch der Infektionsstatus des betroffenen Patienten in der Anamnese zu berücksichtigen sind.
Besonders hoch ist die HIV-Übertragungsrate bekanntlich bei ungeschütztem Analverkehr sowie bei gemeinsamer Benutzung einer Injektionsnadel (138 bzw. 63 pro 10.000 Expositionen).
 
Serostatus bekannt
Ist die Indexperson HIV-positiv, die Viruslast jedoch dank antiretroviraler Medikation seit mindestens sechs Monaten unterhalb der Nachweisgrenze (< 200 Kopien/ml), ist die Wahrscheinlichkeit einer Transmission minimal. Eine HIV-PEP ist in diesen Fällen nur dann indiziert, wenn begründete Zweifel an der Adhärenz der Indexperson bestehen.
 
Serostatus unbekannt
Die größte Herausforderung bei der Abschätzung des Infektionsrisikos besteht in Fällen, in denen der Serostatus der Indexperson unbekannt ist und auch nicht kurzfristig ermittelt werden kann. Unter diesen Umständen kann eine HIV-PEP vorläufig und notfallmäßig eingeleitet werden. Über eine Fortführung der Therapie kann dann in den Folgetagen und gegebenenfalls unter Hinzuziehung eines Experten entschieden werden.
 
Wer bekommt welches PEP- Regime?
Bei bestätigter HIV-Exposition sollte die HIV-PEP für weitere 28 Tage fortgesetzt werden. Das primär empfohlene PEP-Regime beinhaltet eine Kombination aus Tenofovirdisoproxil plus Emtricitabin (TDF/FTC), kombiniert mit einem Integrase- Inhibitor (z. B. Raltegravir oder Dolutegravir).
Bei schwangeren Patientinnen rät die WHO von der Gabe von Dolutegravir ab, da eine Assoziation mit der Entstehung von Neuralrohrdefekten vermutet wird. Patienten mit fortgeschrittener Niereninsuffizienz (Kreatinin-Clearance < 60ml/min) profitieren von einer Therapie mit Zidovudin und Lamivudin statt TDF/FTC.
 
Wie geht es weiter?
Obwohl die HIV-PEP in den meisten Fällen gut verträglich ist, können vor allem in den ersten 48 Stunden nach Therapiebeginn Übelkeit, Diarrhoe und Kopfschmerzen auftreten.
Bei Patienten mit kontinuierlichem HIV-Risiko sollte im weiteren Behandlungsverlauf eine Präexpositionsprophylaxe in Erwägung gezogen werden. RG
Quelle:

Siedner MJ et al.: HIV post-exposure prophyla-xis (PEP). BMJ 2018; 363: k4928

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