Spätfolgen nach Prostatektomie

Praxis-Depesche 3-4/2021

Krebserkrankte in Deutschland unterversorgt

Die Harninkontinenz und die erektile Dysfunktion (ED) zählen zu den schwersten Folgen der radikalen Prostatektomie (RP). Obwohl für beide Komplikationen effektive Behandlungsmöglichkeiten existieren, nutzt ein erheblicher Anteil der Betroffenen diese Angebote nicht, berichten deutsche Forscher:innen.
Die Therapieoptionen bei Harninkontinenz nach RP umfassen medikamentöse Ansätze sowie operative Eingriffe wie die Schlingenanlage oder die Implantation eines künstlichen Sphinkters. Bei einer ED besteht neben der Behandlung mit PDE5-Hemmern und intraurethralen Medikamenten die Möglichkeit einer Penis-Injektionstherapie, einer Vakuumtherapie oder der Anlage einer Penisprothese, erläutern die Wissenschaftler:innen. Sie analysierten die Daten von mehr als 1.200 Männern, welche zwischen 2008 und 2013 an der prospektiven HAROW-Beobachtungsstudie teilgenommen hatten. Alle hatten sich aufgrund eines lokalisierten Prostatakarzinoms einer RP unterzogen. Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 6,3 Jahren wurden die Patienten zu Post-Prostatektomie-Spätfolgen befragt sowie dokumentiert, wie viele sich einer entsprechenden Behandlung unterzogen hatten.
936 Männer beantworteten die Fragebögen. 134 (14 %) berichteten über eine Inkontinenz und 26 von 104 inkontinenten Männern mit vollständigen Daten (25 %) hatte sich einem Kontinenzeingriff unterzogen. 41 % der Inkontinenten, welche sich bislang gegen eine Operation entschieden hatten, fühlten sich durch den Urinverlust mäßig bis stark belastet und litten an einer eingeschränkten mentalen Gesundheit und Lebensqualität. Bei 755 der 936 Befragten (81 %) diagnostizierten die Forscher:innen eine Post-Prostatektomie-Impotenz. Über Erektionsstörungen berichteten insgesamt 793 Männer. Nur 319 dieser Patienten (40 %) nutzten entsprechende Therapieangebote. 499 der Männer mit Erektionsstörungen gaben ein sexuelles Interesse an, aber 243 (49 %) nutzten keine Behandlungsmöglichkeiten. Männer, die keine ED-Therapien anwendeten, waren signifikant älter, litten häufig bereits vor der Operation an Erektionsstörungen und hatten ein geringeres sexuelles Interesse. Dennoch fühlten sich 30 % der Männer, welche trotz bestehendem sexuellem Interesse keine EDTherapie in Anspruch nahmen, durch die Potenzproblematik mäßig bis stark belastet und wiesen Einschränkungen der mentalen Gesundheit und Lebensqualität auf.
In Deutschland, so das Fazit der Autor:innen, schöpfen Prostatakarzinom- Patienten, welche nach einem radikalen operativen Eingriff an einer Harninkontinenz oder Erektionsstörungen leiden, die vorhandenen Therapieangebote nicht aus. Sie wollen nun klären, woran das liegt und wie die Versorgung der Betroffenen verbessert werden kann. GFI
Quelle: Baunacke M et al.: Treatment of post-prostatectomy urinary incontinence and erectile dysfunction: there is insuffifficient utilisation of care in German cancer survivors. World J Urol 2020; doi: 10.1007/s00345-020-03526-z
ICD-Codes: F52.2 , R32
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