Laute Autos und Flugzeuge | Praxis-Depesche 9/2018

Lärmverschmutzung schlägt aufs Herz

Neben der Luftverschmutzung gerät zunehmend auch die Lärmbelastung durch Straßen-, Schienen- und Luftverkehr als Risikofaktor für kardiovaskuläre und metabolische Erkrankungen in Verdacht. Als Hauptmechanismus wird chronischer Stress diskutiert.

Mehr als 30% der europäischen Bevölkerung sind – vor allem in Städten – tagsüber wie nachts einem steten Geräuschpegel ausgesetzt, der gemittelt über 55 dB liegt. Dass der stete Lärm, den vor allem Straßen- und Luftverkehr verursachen, die Gesundheit belastet, ist mittlerweile mehrfach nachgewiesen.
Aktuelle Daten legen nahe, dass die Lärmverschmutzung vor allem eines bewirkt: Sie sorgt für chronischen Stress, wodurch das autonome und das endokrine System aktiviert werden. Zusätzlich stört der Lärm den Schlaf, was langfristig vaskuläre Veränderungen begünstigt, die in kardiovaskuläre Erkrankungen münden oder diese verschlimmern können. So bringt eine Studie emotionalen Stress infolge von Geräuschbelastung durch nächtlichen Flugverkehr mit dem Takotsubo-Syndrom in Zusammenhang. Der Lärm-induzierte Stress wird aber nicht nur mit kardiovaskulären Folgen wie arterieller Hypertonie und koronarer Herzkrankheit (KHK) assoziiert, sondern auch mit mentalen Problemen wie Depression und Angststörungen.
Mit simuliertem nächtlichen Flugverkehrs-lärm konnte man experimentell bestätigen, dass dieser mit einer verringerten Schlafqualität und endothelialer Dysfunktion einhergeht. Eine wesentliche Rolle scheint dabei vermehrter oxidativer Stress zu spielen, denn mithilfe von Vitamin C ließ sich die endotheliale Funktion der Probanden wieder verbessern. Parallel zu der Lärm-induzierten Dysfunktion konnte man in der Studie außerdem erhöhte Adrenalinspiegel feststellen. Bei KHK-Patienten war der Effekt besonders stark ausgeprägt. Zudem reagierten die Lärm-gestörten Teilnehmer mit einer Blutdruckerhöhung. Weitere Daten bestätigten den Zusammenhang auch für Straßenverkehrslärm.
Deutlich wird die Tragweite der Lärmbelastung anhand aktueller epidemiologischer Daten. Diese weisen auf diverse Risikosteigerungen bereits ab einem Verkehrsgeräuschpegel von 50 dB hin. Dabei erhöht sich pro Anstieg im Lärmpegel um 10 dB:
  • das KHK-Risiko um 6%
  • das Schlaganfall-Risiko um 14%
  • das Risiko für Herzinsuffizienz um 2 bis 7%
  • das Risiko für Vorhofflimmern um 6%
Zudem wurde pro 5-dB-Anstieg im verkehrsbedingten Geräuschniveau ein Anstieg in der Hypertonie-Prävalenz von 3,4% gemessen, in einer anderen Studie eine um 3,4% gesteigerte Kalzifizierung der Thorakalaorten.
Schlussendlich gibt es auch Daten, die auf ein erhöhtes Risiko für Adipositas, Diabetes und erhöhte Nüchternglucosespiegel hindeuten. Neben dem direkten Stress-vermittelten Effekt könnte die mit dem Lärm verbundene schlechtere Schlafqualität zur Folge haben, dass das Aktivitätsniveau sinkt und allgemein ein ungesünderer Lebensstil gepflegt wird. OH

Quelle:

Münzel T et al.: Environmental noise and the cardiovascular system. J Am Col Cardiol 2018; 71(6): 688-97

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