Neuropathie

Praxis-Depesche 11/2013

Lähmung aus der Leitung

Eine 80-jährige Frau kam in eine britische Klinikambulanz wegen seit sechs Wochen zunehmender Schwäche der Arme ohne Schmerzen. Die motorische Neuropathie der Arme war symmetrisch, betont distal. Die Sehnenreflexe der Arme fehlten. Die Sensorik war unauffällig.

Das Hämoglobin betrug 9,6 g/dl, das MCV 87 fl. Sonstige Laborwerte, Liquorbefund, CT des Kopfes und MRI der Wirbelsäule waren wenig auffällig. Elektrophysiologische Untersuchungen zeigten ausgedehnte aktive und chronische De-nervierungen der Extremitäten ohne Zeichen von Demyelinisierung, Leitungsstörungen oder sensorischer Neuropathie. Die vorläufige Diagnose lautete atypische Motoneuronen-Erkrankung. Da auch eine Lyme-Erkrankung in Frage kam, wurde mit einem Cephalosporin behandelt. Dann zeigte allerdings die Blei-Bestimmung im Blut stark erhöhte Werte. Im Blutausstrich war basophile Tüpfelung zu sehen.

Man stellte eine Bleivergiftung fest und begann eine Chelattherapie mit Succimer. Das Trinkwasser der Frau kam aus einem von einer Quelle gespeisten Tank. Die Leitung zur Küche bestand aus Blei. Das Wasser war sehr aggressiv und löste besonders viel Blei aus dem Rohr. Es wurde ersetzt. Nach einigen Monaten hatten sich Blei-Blutwert und Hämoglobin normalisiert.

Eine brachiale Diplegie („Mann-im-Fass-Syndrom“) kann verschiedene Ursachen haben. Man sollte auch an eine Wasserleitung denken. AL

Quelle: Pickrell WO et al.: Peripheral neuropathy--lead astray?, Zeitschrift: THE LANCET, Ausgabe 12 (2013)
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