ERS International Congress 2020

Praxis-Depesche 11/2020

Paradigmenwechsel, neue Betrachtungsweisen und Ansätze

Auf dem virtuellen ERS-Kongress wurde über viele Ansätze diskutiert, die Gesundheit und Lebensqualität von Atemwegspatienten mit neuen Therapieansätzen, zukünftigen Perspektiven und technischer Unterstützung nachhaltig zu verbessern.
Telemonitoring bei Atemwegserkrankungen – noch Zukunftsmusik?
In einigen Bereichen der medizinischen Versorgung ist Telemonitoring nicht mehr gänzlich unbekannt, und neue Technologien in diesem Bereich sind vor allem wegen COVID-19 derzeit stark gefragt. So beschäftigte sich auch eine Session während des virtuellen ERS-Kongresses mit dem Titel „Insights from wearable respiratory sensors and AI“ mit Fortschritten und Vorteilen bei der Überwachung und Behandlung von pneumologischen Ereignissen mittels smarter Lösungen. Kleine, komfortable Pflaster als „wearable technology“ könnten den Patienten in Zukunft langfristig überwachen, das erläuterte unter anderem Bernard Grundlehner, Eindhoven, in seiner Präsentation „Health patches for wearable respiration monitoring“.
 
Chronischer Husten – eine Frage der Hyperreagibilität?
Was tun mit Patienten, bei denen keine eindeutigen Ursachen für einen chronischen, zum Teil therapierefraktären Husten zu finden sind? Dieser Frage ging unter anderem Prof. Eva Millqvist, Göteborg, in ihrem Vortrag „Cough hyperreflexivity: a treatable trait“ im Rahmen der Session „Innovations in airway innervation: treatments for chronic cough“ nach. Wie der Titel schon verrät, empfiehlt Millqvist, bei dieser Patientengruppe die behandelbaren Charakteristika zu identifizieren. Daher sollte man zum Beispiel unterscheiden, ob beim Patienten Entzündungsmarker vorliegen oder nicht. Wenn dies nicht der Fall ist, dann sollte unter anderem auch eine Hyperreagibilität, also eine neuronale Ursache in Betracht gezogen werden. Aus der Forschung ist bekannt, dass Husten z. B. durch eine Inhalation von Capsaicin provoziert werden kann. Ähnliche Auslöser für den Hustenreflex können im Real Life bei empfindlichen Patienten auch Haarspray, Parfüm, Rauch oder Kälte sein. Neben einer Desensibilisierung (z. B. mit geringen Dosen an Capsaicin) und logopädischer Therapie könnten in Zukunft auch P2X3-Antagonisten eine Rolle spielen, so die Perspektive.
 
Welche Rolle spielt das Lungenmikrobiom bei Lungenkrebs?
Im Gegensatz zum Darmmikrobiom (eigentlich richtig: Darmmikrobiota) ist das Lungenmikrobiom deutlich weniger erforscht. Der Frage, ob auch das Lungenmikrobiom – ähnlich wie beim Darm – eine Rolle bei der Entstehung von Neoplasien spielen könnte, wurde in der Session „Exciting new developments in lung cancer screening, diagnostics and treatment“ nachgegangen. Es gibt erste Hinweise, dass auch bei einer Dysbiose der Lungenmikrobiota kanzerogene Mechanismen entstehen können, beispielsweise indem die Immunantwort des Wirtes auf maligne Zellen verändert wird. Hinweisend erscheint in diesem Zusammenhang ein Mausmodell, in dem gezeigt werden konnte, dass die lokale Lungenmikrobiota Entzündungsprozesse hervorrufen kann, die mit Adenokarzinomen der Lunge assoziiert sind.
 
Sichere und wirksame Wege in der Asthma-Behandlung
Natürlich nahmen auch Erkenntnisse in der Asthma-Behandlung einen wichtigen Platz auf dem Kongress ein. In der Session „Rethinking Asthma“ erläuterte beispielsweise Prof. Roland Buhl, Mainz, die aktuellen Empfehlungen bei leichtem Asthma. Hier ist eine SABA-Monotherapie nicht mehr „State of the Art“. Vielmehr sehen die neuen GINA (Global Initiative for Asthma)- Empfehlungen von 2019 vor, dass eine Bedarfsmedikation aus ICS in Kombination mit LABA (Formoterol) bevorzugt eingesetzt werden sollte, und zwar nur wenn Asthma-Symptome auftreten. Die Befürchtung, dass eine reine Bedarfsmedikation auf Dauer zu einer Verschlimmerung der Entzündungsprozesse führen könnte, wurde in diesem Zusammenhang durch eine aktuelle Studie von Beasley et al. (NEJM 2019) widerlegt.
Auch das schwere, nicht kontrollierbare Asthma stand im Fokus. Mit der Frage, welche Patienten von einer Biologika-Therapie profitieren könnten, beschäftigte sich in diesem Zusammenhang Prof. Celeste Porsbjerg, Kopenhagen. Sie mahnte, dass zunächst überprüft werden müsse, ob Patienten wirklich an einem nicht kontrollierbaren und schweren Asthma litten, oder ob vielmehr ein schwierig zu behandelndes Asthma vorliege, dessen Ursachen auch anders als mit Biologika behandelt werden könnten. Porsbjerg erwähnte in diesem Zusammenhang Faktoren wie Patientenfehler und auch Komorbiditäten oder regelmäßige Exposition an Allergene, die bei Diagnose und Behandlung berücksichtigt werden müssten. Patienten, die dennoch regelmäßig orale Kortikosteroide (OCS) einnähmen, oder ein hohes Exazerbationsrisiko hätten, könnten allerdings von Biologika deutlich profitieren, so das Fazit. AT
ICD-Codes: J45.9
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