Oft ist nicht nur eine Person in Gefahr

Praxis-Depesche 6/2009

Tückisch schleichend oder akut bedrohlich: CO-Vergiftung

Die Symptome und begrenzten Therapiemöglichkeiten bei Intoxikationen mit Kohlenmonoxid schildert ein Spezialist für hyperbare Medizin aus Salt Lake City. Auch bei chro­nischer Belastung kann es zu irreversiblen Schädigungen des ZNS kommen.

Die Übersicht beginnt mit dem Fall einer 39-Jährigen, die seit mehreren Monaten an Fatigue, Kopfschmerz und Gedächtnis- problemen litt und bei mehreren Spezialisten war. Schließlich fühlte sie sich zu Hause schlecht und rief einen Freund an, der sie im Sopor antraf. Sie kam unter O2 in die Notaufnahme und war dort wach, HbCO 18%. Schuld war ein schadhafter Ofen.

Die Symptome der CO-Vergiftung sind unspezifisch. Geringe Expositionen führen zu Kopfschmerz, Myalgie, Schwindel oder neuropsychologischer Beeinträchtigung, schwere zu Verwirrtheit, Bewusstseinsverlust oder Tod. Patienten mit subklinischer Exposition bemerken die Vergiftung manchmal nur nach einem akuten Ereignis oder bei zufälliger Entdeckung des CO-Lecks.

In physiologischen Mengen fungiert CO als Neurotransmitter. Es kann bei niedrigen Spiegeln u. a. Entzündungen, Apoptose und Zellproliferation günstig beeinflussen. Höhere Mengen verursachen Hypoxie durch Bildung von HbCO (mehr als 200-mal höhere Affinität als O2) und Verschiebung der Dissoziationskurve von oxidiertem Hb nach links. CO ruft u. a. über erhöhte Häm-Spiegel im Zytosol oxidativen Stress mit den Folgen Nekrose von Neuronen und Apoptose hervor und bewirkt zusätzlich zur Hypoxie Entzündungen.

Subakute Langzeit-Expositionen von mehr als 24 h erfolgen i. d. R. intermittierend und können sich über Wochen oder Jahre hinziehen. Die Inzidenz ist unbekannt. Die Symp­tome der chronischen Vergiftung können anders als bei der akuten sein, u. a. mit chronischer Fatigue, affektiven Problemen, emotionalem „Distress“, Gedächtnisstörungen, Schwierigkeiten bei der Arbeit, Schlafstörungen, Vertigo, Neuropathie, Parästhesien, wiederholten Infekten, Polyzythämie, Bauchschmerzen und Diarrhö.

Eine Vergiftung hat im Allgemeinen neuropsychologische Folgen (laut einer Studie nach sechs Wochen kognitive in 46%, affektive in 45%). U. a. und auf Dauer kann es auch zu motorischen und Gangstörungen, peripherer Neuropathie, Hörverlust, vestibulären Ano­malien, Demenz und Psychosen kommen.

Im T2-gewichteten Kernspin fanden sich vermehrt Hyperintensitäten, nach Jahren u. a. auch Basalganglien-Läsionen und Hippocam­pus-Atrophie. Keine Anomalie ist spezifisch.

Im Rettungsdienst sollte O2 mit normalem Druck gegeben werden (high flow oder 100%, wenn nötig Intubation), die Betroffenen kommen zur weiteren Beurteilung in die Notaufnahme. Zwar beschleunigt O2 mit normalem Druck die CO-Elimination, doch fand eine Studie keinen Nutzen. Die sichere und leicht verfügbare Therapie sollte dennoch stattfinden, bis das HbCO unter 5% liegt.

Gefahr für das Herz

Bei der Betreuung achte man u. a. auf adäquate Ventilation und Perfusion. Wenn nötig, werden Blutgase bestimmt, zu Diagnosezwecken reicht Messung des venösen HbCO (Exposition bestätigt bei über 3%, bei Rauchern über 10%; kein Schluss auf Prog­nose möglich). CO kann eine Angina pectoris verschlimmern und selbst bei normalen Koronarien dem Herz schaden. EKG und Enzymbestimmung sind indiziert.

In der Notaufnahme sollte der Einsatz von hyperbarem O2 erwogen werden (100% O2 mit mehr als 1,4 atm). Er bleibt umstritten (wie ein Cochrane Review, der ihn nicht befürwortet), obwohl u. a. physiologische Daten einen Nutzen nahelegen. Von den klinischen Studien (mit unterschiedlichem Ergebnis) erfüllt nur eine strenge Kriterien. Hier kam es nach drei Applikationen von hyperbarem O2 zu weniger kognitiven Folgen.

Zu den CO-Quellen zählen u. a. defekte Öfen, unzureichende Belüftung von Heizungen und Exposition gegenüber Motorabgasen*. Dementsprechend empfiehlt der Autor Aufklärung u. a. darüber, dass Verbrennungsmaschinen in Innenräumen nicht zu betreiben sind, regelmäßige Inspektionen für Öfen nötig sind und dass CO-Melder benutzt werden sollten. Für weitere Informationen verweist er auf die „CDC“ (s. Kasten).

Amtliche Richtlinien zur Luftreinhaltung sollen HbCO-Werte unter 3% gewährleis­ten. Denn 3% können sich schon nachteilig auf Hochrisikogruppen wie Ältere, Schwangere, Feten, Säuglinge und Patienten mit Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen auswirken. SN

*Zu CO-Vergiftungen kann es auch bei Bränden kommen. Feuerwehren zählen übrigens zu den Betreibern von Druckkammern in der BRD. Eine aktuelle Liste findet sich bei der Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin unter www.gtuem.org.

Auf den Seiten der Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta findet sich in 17 Sprachen inkl. Deutsche Leitlinien zum Verhindern von CO-Expositionen. Die neun Regeln sind auf die USA zugeschnitten (siehe Notrufnummer, Hinweise auf Gefahren mit Hilfsgeräten z. B. nach Hurrikans), aber ein Blick lohnt sich trotzdem auf www. cdc.gov/co/guidelines.htm.
Quelle: Weaver, LK: Carbon monoxide poisoning, Zeitschrift: NEW ENGLAND JOURNAL OF MEDICINE, Ausgabe 360 (2009), Seiten: 1217-1225
Das könnte Sie auch interessieren

Alle im Rahmen dieses Internet-Angebots veröffentlichten Artikel sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch Übersetzungen und Zweitveröffentlichungen, vorbehalten. Jegliche Vervielfältigung, Verlinkung oder Weiterverbreitung in jedem Medium als Ganzes oder in Teilen bedarf der schriftlichen Zustimmung des Verlags.

x