8. Weltkongress Homocystein, Lissabon, Juni 2011 | Praxis-Depesche 2/2012

Von Stoffwechsel-Erkenntnissen profitieren

In Lissabon fand der 8. internationale Kongress zum Homocystein-Stoffwechsel statt. Über hundert Beiträge befassten sich mit aktuellen Ergebnissen im Umkreis der Homocystein-Forschung. Neben viel Grundlagenwissen wurden auch praxisnahe Erkenntnisse geboten.

Kognition im Alter erhalten

Die ersten Daten der randomisiert-kontrollierten Studie VITACOG mit 266 kognitiv leicht beeinträchtigten Probanden wurden bereits im Herbst 2010 publiziert. Wie A. David Smith, Oxford, erläuterte, wurde mit den Vitaminen B12, B6 und Folsäure oder Plazebo behandelt. MRT-Daten zeigten, dass sich die altersbedingte Hirn­atrophie in der Vitamin- im Vergleich zur Plazebo-Gruppe verlangsamte. Pa-rallel dazu wurde in der Vita­min-Gruppe auch der kognitive Abbau verzögert. Probanden mit hohem Plasma-Homocystein profitierten da­bei am meisten. Weitere Studien, in denen untersucht werden soll, ob die Vitaminbehandlung Einfluss auf den Übergang von leichter kognitiver Beeinträchtigung zu einer manifesten Demenz hat, sind geplant.

Mathematische Analysen der VITACOG-MRT-Daten ergaben eine klare Übereinstimmung der Hirnareale, die bei den Plazebo-Patienten mit hohen Homocystein-Spiegeln verstärkt atrophierten, und den Hirnregionen, die bei Alzheimer-Demenz schrumpfen.

323 Teilnehmer der NAME-Studie (Nutrition and Memory in the Elderly) unterzogen sich einer MRT und Kognitionstests. Man fand eine Assoziation von Plasma-Homocystein und mikrovaskulären Infarkten im Bereich unterhalb der Hirnrinde. Infarkte größerer Gefäße waren nicht mit dem Homocystein assoziiert. Im Hinblick auf die Kognition war die höchste Homocys­tein-Quintile mit schlechterer Funktion assoziiert, so Tammy Maria Scott, Boston.

Homocystein und Befinden

In einer schwedischen Studie wurde mit Hilfe von psychologischen Tests untersucht, ob die subjektive Befindlichkeit von Senioren mit dem Homocystein-Plasmaspiegel assoziiert ist (Lovisa A. Olson, Umeå, Schweden).

Eine der beiden Populationen bestand aus 389 Senioren, die in ihrer eigenen Wohnung lebten und ein aktives Leben führten. Die zweite (300 Senioren) wurde in einer Memory-Klinik betreut. Sie hatten leichte bis moderate kognitive Probleme. Bei aktiven Senioren war die Höhe des Homocysteins ein Prädiktor für eine schlechtere Befindlichkeit und bei allen Senioren für schlechtere Ergebnisse im Kognitionstest.

Folsäure hilft Nervenzellen

Wissenschaftler aus Madison (Bermans Iskandar et al.) studierten die Regeneration verletzter Neuronen und untersuchten experimentell, welche Faktoren das Nervenwachstum unterstützen bzw. beschleunigen. Sie konnten zeigen, dass nach Verletzung die Expression des Folat-Rezeptors 1 (FolR1), der Folsäure ins Zellinnere transportiert, verstärkt wird. Dose-Response-Experimente ergaben, dass eine Dosis von 80 μg/kg Folsäure, par­enteral verabreicht, die Nervenregeneration optimal verbesserte. Bei weiterer Dosiserhöhung verringerte sich der Effekt wieder.

Vitamin B2 gegen Hypertonie

Die Enzyme Methylentetrahydrofolat-Reduktase (MTHFR) und Methionin-Synthase sind dafür zuständig, dass Methylgruppen für Biosynthesen aufbereitet werden können und u. a. Homocystein remethyliert wird. Personen mit einem aktivitätsmindernden Polymorphismus des Enzyms MTHFR (MTHFR-677TT) haben häufiger hohen Blutdruck als jene mit dem Genotyp MTHFR-677CC oder Heterozygote. Die Aktivität des TT-Enzyms kann durch Folsäure und den Kofaktor Riboflavin (Vitamin B2) erhöht werden.

Wissenschaftler aus Irland und Nordirland (Carol Wilson, Ulster, et al.) untersuchen seit 2004 Hypertoniker der Genotypen CC, TT und CT mit KHK hinsichtlich der Wirksamkeit antihypertensiver Therapien. Zu Beginn einer Follow-up-Studie hatten die Forscher festgestellt, dass es bei Hypertonikern mit MTHFR-677TT nicht zu einer signifikanten Blutdrucksenkung durch Gabe von Antihypertensiva kam – trotz Ausprobierens verschiedener Medikamente. Die Patienten mit TT-Genotyp bekamen dann entweder Plazebo oder Riboflavin (1,6 mg/d über 16 Wochen).

In der Riboflavin-Gruppe kam es daraufhin zu einer signifikanten Senkung von systolischem und diastolischem Blutdruck. Die Häufigkeit des TT-Genotyps ist in Europa circa ­ 10%, kann aber in anderen Regionen der Erde bis zu 32% betragen.

Homocystein und Knochen

Große Kohortenstudien belegen, dass hohe Homocystein-Spiegel bzw. B-Vitamin-Man­gel mit Osteoporose assoziiert sind. Im Rahmen der Rotterdam-Studie (Anke Enneman et al., Rotterdam) wurden bei 443 Frauen im Alter über 60 Jahren das Plasma-Homocystein, S-Adenosylmethionin (SAM), S-Adenosyl- Ho­mo­cystein (SAH) und die Knochendichte bestimmt. Danach protokollierte man über im Mittel 7,9 Jahre die osteoporotischen Frakturen in dieser Kohorte.

Bei Frauen mit einem Homocystein über dem Median gab es einen Trend für ein höheres Frakturrisiko. Statistische Berechnungen zeigten, dass die Knochendichte signifikant mit dem natürlichen Logarithmus der Homocystein-Plasmaspiegel und dem natürlichen Logarithmus des SAM/SAH-Verhältnisses assoziiert war. FT

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