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Klinische Implikationen der immunologischen Grundlagenforschung

Praxis-Depesche 12/2021

Wie Adipositas Krebs fördert

Die Adipositas steht in engem Zusammenhang mit einer erhöhten Anfälligkeit für eine Vielzahl von Krankheiten, wobei Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ganz oben auf der Liste stehen. Aber auch verschiedene Krebserkrankungen wie Schilddrüsen-, Endometriumund Leberkarzinome sind für eine höhere Inzidenz bei adipösen Patienten bekannt.
Schlüsselverbindung zwischen Adipositas und all diesen Krankheiten ist eine erhöhte chronische Entzündung und Veränderungen in den Populationen von TZellen und Makrophagen. Auch können hohe Spiegel von Stoffwechselhormonen, die wie Insulin und Leptin die Nährstoffzufuhr regulieren, Entzündungszustände in T-Zellen und Makrophagen stimulieren. Zwar ist dieser Effekt im Fettgewebe besonders ausgeprägt, doch wirken die durch Adipositas induzierte chronische Entzündung und Hyperlipidämie auch systemisch und können ein breites Krankheitsspektrum verstärken.
 
Der „Multi-omic“-Ansatz
Bei den Auswirkungen von Adipositas auf Krebs- und Immunzellen in der Mikroumgebung des Tumors handelt es sich um pleiotrope Effekte. Dabei hat die 1952 von Otto Warburg beschriebene aerobe Glykolyse („Warburg-Effekt“) eine Renaissance erfahren. Diese ineffiziente Form der Energiegewinnung von Krebszellen, bei der der Glukoseverbrauch erhöht ist, kann zu Nährstoffkonflikten und -konkurrenz mit Immunzellen führen. Andererseits herrscht bei einer Adipositas Nährstoffüberfluss. Darüber, wie sich Krebs- und TZellen an die veränderte Nährstoffsituation anpassen, ist aber nur wenig bekannt.
2020 wurde ein neuer Mechanismus identifiziert, durch den sich Krebszellen metabolisch an eine Adipositas anpassen, um die T-Zell-Funktion zu unterdrücken. Daran wesentlich beteiligt ist das PHD3- Gen. Es führt dazu, dass Tumorzellen den Fettstoffwechsel induzieren und ihre Mikroumgebung verändern. Dies wiederum deutet darauf hin, dass die Hemmung der metabolischen Anpassung der Tumorzellen an die Adipositas die „ Anti-Tumor-Immunität“ wiederherstellen könnte. Andere Daten unterstützen das „Adipositas-Paradoxon“, bei dem die Adipositas Tumoren für eine Immuntherapie sensibilisieren kann. Die Hypothese ist, dass der chronische Entzündungszustand bei Adipositas auf eine Immuntherapie reagiert. Dabei können Hormone wie Leptin eine proinflammatorische Rolle spielen.
Trotz noch vieler Unbekannten wird der „Multi-omic“-Ansatz den Weg für künftige Studien weisen, die weit über diese ersten Ergebnisse hinausgehen. Vielleicht entpuppt sich die Hochregulierung des PHD3-Signalwegs als neues therapeutisches Ziel, um das Tumorwachstum bei adipösen Patienten zu verlangsamen oder alternativ die Wirkung der Immuntherapie bei normalgewichtigen Patienten zu verstärken. GS
Kommentar
Die Inzidenz der Adipositas steigt in der westlichen Gesellschaft stetig. Dies wiederum hat zur Folge, dass bestimmte Krebserkrankungen verstärkt auftreten. Das wachsende Verständnis um die Auswirkungen von Adipositas und Ernährung auf die Mikroumgebung von malignen Tumoren führt zu neuen Therapieansätzen, mit denen sich das Fortschreiten dieser Krebserkrankungen eventuell aufhalten lässt.
Quelle: Rathmell JC: Obesity, immunity, and cancer. N Engl J Med 2021; 384: 1160-2
ICD-Codes: E66.9
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