Die häufigste Pneumokoniose | Praxis-Depesche 12/2012

Wie kommt man der Silikose auf die Spur?

Die drei Spezialisten, die sich mit der Quarzstaub-Lungenerkrankung befassen, arbeiten an Universitäten in Hongkong und Wuhan bzw. beim Tuberculosis and Chest Service, Centre for Health Protection, in Hongkong. Die Silikose ist nicht allein ein Prob­lem von Entwicklungsländern. Hier ein Blick auf die lange Liste riskanter Arbeitsprozesse und einige Anmerkungen zum Krankheitsbild.

Silikose, ein fibrotisches Leiden, entsteht durch Inhalation von kris­tallinem Siliziumdioxid (englisch: silicon dioxide oder silica*). In Industrieländern haben Schutzmaßnahmen die Mortalität in den letzten Jahrzehnten gesenkt; gelegentlich kommt es aber zu neuen Manifestationen**.

Siliziumdioxid, das häufigste Mineral weltweit, kommt kristallin und amorph vor. Die häufigs­ten freien kristallinen Formen bei der Arbeit sind Quarz, Cristobalit und Tridymit. Stäube aus reinem amorphem Siliziumdioxid werden mit der Ausnahme von Fiberglas i. d. R. nicht als schädlich angesehen. Berufliche Exposition gegenüber einatembarem kris­­tallinem Siliziumdioxid (aerodynamischer Durchmesser unter 10 µm) findet vielerorts statt (siehe Kas­ten).

Die kumulative Dosis ist der wichtigste Faktor bei der Krankheitsentstehung. U. a. scheinen Spurenelemente im Tierversuch die Toxizität zu modulieren. Von etlichen mit Silikose assoziierten Leiden werden im Review nur Tuberkulose, Atemwegsobstruktion und Lungenkrebs noch näher besprochen. Das Tb-Risiko steigt schon bei Siliziumdioxid-Exposition ohne Silikose. Mit COPD besteht eine vom Rauchen unabhängige Assoziation. Verschiedene Organisationen haben kristallines Siliziumdioxid als Humankarzinogen eingestuft.

Zu den Verlaufsvarianten der Silikose zählen die einfache (noduläre) Form, die progrediente massive Fibrose, die Silikoproteinose und eine diffuse interstitielle Fibrose. In-vitro-Studien und Tiermodelle ergaben einen wahrscheinlichen Ereignisablauf. Danach wird Siliziumdioxid, sobald es eine Zellapoptose ausgelöst hat, freigesetzt und triggert einen weiteren Zyklus Phagozytose, Entzündung und Fib­rose auch nach Expositionsende.

Die Diagnose stützt sich i. d. R. auf relevante Staubexposition in der Anamnese und damit vereinbare radiologische Befunde; zudem sind Diag­nosen wie Miliar-Tb, Pilzinfektionen, Sarkoido­se, idiopathische Lungen-fibrose, andere interstitielle Lungenerkrankungen und Karzinomatose auszuschließen.

Die Diagnose einer berufsbedingten Lungenerkrankung beruht auf einer vollständigen Berufsanam­ne­se (chronologische Details zu Arbeitsprozessen und Schätzungen der Staubexposition), ohne die eine Silikose leicht übersehen werden könnte, wenn die charakteristischen nodulären Läsionen fehlen. Man denke auch an potenzielle Umwelt- oder häusliche Belastung.

Rasch tödlich: akute Silikose

Die häufigste Form, die chronische Silikose, entsteht gewöhnlich nach zehn oder mehr Jahren geringgradiger Exposition. Entdeckung erst beim Röntgen ist möglich. Husten besteht evtl. wegen Nervenirritation durch Knötchen oder bei assoziierter COPD. Kurzatmigkeit ist in späteren Stadien häufiger als initial, besonders bei progredienter massiver Fibrose. Betroffene können auch wegen assoziierter Leiden wie Tb oder Lungenkarzinom zum Arzt kommen. Die akzelerierte Silikose entwickelt sich in fünf bis zehn Jahren nach Expositionsbeginn mit ähnlichen klinischen Merkmalen, aber Tendenz zu raschem Fortschreiten. Die akute Silikose in Form der Silikoproteinose entsteht selten nach Exposition gegenüber hohen Konzentrationen für einige Wochen bis zu fünf Jahren. Sie betrifft am häufigsten Sandstrahler, wurde aber u. a. auch bei Arbeitern in der Scheuerpulverherstellung beobachtet. Außer Dyspnoe und trockenem Husten können Allgemeinsymp­tome vorliegen wie Fieber, Fatigue und Gewichtsabnahme. Oft kommt es binnen weniger Monate zu res­piratorischer Insuffizienz und zum Tod.

Die Sensitivität des Röntgens für die Diag­nostik der einfachen Erkrankung steigt mit zunehmendem Silikosegrad. Die möglichen Befunde werden ausführlich erläutert. Laut einer Autopsiestudie könnte aber eine beträchtliche Zahl von Patienten mit histologisch mäßiger oder schwerer Silikose nicht auffallen. Untersuchungen lassen annehmen, dass bestimmte Merkmale im HR-CT eher erkannt werden; zudem ist die Korrelation mit der Lungenfunktion besser. Die Autoren beschreiben auch das typische Bild der akuten Silikose und die Leistungsfähigkeit von HR-CT, MRT und PET beim Erkennen von Lungenkrebs bei Silikose.

Normale Spirometrie in den frühen Silikose-Stadien ist möglich. Die Diffusionskapazität könnte sensitiver sein, obwohl nicht ganz spezifisch. Invasive Untersuchungen wie die ­Lungenbiopsie können zum Ausschluss anderer potenziell behandelbarer Leiden stattfinden oder wenn eine Lungentransplantation ansteht.

Alle Präventivmaßnahmen restlos ausschöpfen

Die eingeschränkten Möglichkeiten der Behandlung der Silikose werden erörtert, ebenso die Maßnahmen bei latenter und manifester Tb. Breiten Raum nimmt auch die Diskussion der Prävention ein. Dazu zählt u. a., Strahlarbeiten mit Sand abzustellen und statt dessen metallische Strahlmittel einzusetzen, wie dies in den meisten Industrieländern geschieht. Kann Siliziumdioxid nicht ersetzt werden, zählen z. B. Luftvorhänge oder spezielle Abluftsysteme zu den nützlichen Vorkehrungen.

An Arbeitsplätzen mit hoher Staubbelas­tung können organisatorische Maßnahmen wie kurze Arbeitszeit und Job-Rotation eingesetzt werden. Persönliche Schutzausrüstungen wie Atemgeräte sind für kurzdauernde Aufgaben geeignet. Sie könnten aber an Arbeitsstellen mit hohen Konzentrationen nicht voll wirksam sein und sollten das letzte Mittel darstellen, das für den Routineschutz während der ganzen Schicht in Frage kommt.

Bei einem neuen Fall von Silikose müssen Quarzstaubexposition und die Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz gründlich überprüft werden. SN

*Silizium = silicon auf englisch, nicht mit Silikon (silicone) verwechseln; **In der Türkei wurde 2009 Sandstrahlen von Jeansstoff nach Silikose-Erkrankungen verboten (Quelle: BBC News online, 30.9.2011)

Freies kristallines Siliziumdioxid
Tätigkeiten, Branchen
(mehrfache Zuordnung häufig)
Tätigkeiten: Bohren, Zertrümmern und grob
Mahlen, Schneiden, abrasives Strahlen und
Sandstrahlen, Abschleifen, Schmirgeln, Aus-
schachten, Graben, Hämmern, Gießen und
Formen, Brennöfen installieren und reparie-
ren, Säubern, u. a. mit Pressluft, Polieren und
Glanzschleifen, Mischen von Siliziumdioxid-
mehl und Ton, Handhabung Siliziumdioxid-
mehl und Sand enthaltender Rohmaterialien
Branchen: Baugewerbe, Steinbruch und zu-
gehörige Fabriken, Bergbau und zugehörige
Fabriken, Tunnelbau, Schleifstein-Herstellung,
Boiler von Kesselstein befreien, Herstellung 
von Dentalmaterial und von Metallproduk-
ten, Autoreparatur (Farbe und Rost entfer-
nen), Kunst und Handwerk, Bildhauerei,
Schiffbau und Reparatur, Gießereien, Jeans-
Produktion, Grabstein-Herstellung, Juwelier,
Landwirtschaft, Eisen- und Stahlwerke, Her-
stellung und Verarbeitung von Keramik, Glas
inkl. Fiberglas, Füllstoffen für Farben, Teer-
pappe für Dächer, Töpfereien, Herstellung
von Gummi, Plastik, Beton, Zement, Herstel-
lung oder Benutzung von abrasiven Seifen
und Scheuerpulvern 

Quelle: Leung CC et al.: Silicosis, Zeitschrift: THE LANCET, Ausgabe 379 (2012), Seiten: 2008-2018

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