Akutes Koronarsyndrom | Praxis-Depesche 12/2017

Wie schnell muss man intervenieren?

Für Patienten mit akutem Koronarsyndrom ohne ST-Hebung (NSTE-ACS) wird bei mittlerem bis hohem Risiko eine invasive Therapie empfohlen. Nicht eindeutig geklärt ist das optimale Timing der Intervention.

Einschlägige Leitlinien raten dringend, bei Patienten mit NSTE-ACE und sehr hohem Risiko, im Krankenhaus zu versterben – das sind solche mit instabiler Hämodynamik, malignen Arrhythmien bzw. rezidivierender oder therapierefraktärer Angina pectoris – , innerhalb von zwei Stunden nach Einlieferung einen Herzkatheter zu schieben. Eine Frist von 24 Stunden wird gegeben, wenn diese Kriterien nicht vorliegen, aber das Troponin angestiegen ist oder sich ischämische ST- bzw. T-Veränderungen entwickelt haben oder einschlägige Scores ein hohes Risiko anzeigen (z. B. mehr als 140 Punkte in GRACE = Global Registry of Acute Coronary Events). Handfeste Belege für den Nutzen einer frühen invasiven Strategie fehlen; die entsprechenden Studien hatten nicht genug statistische Power für einen solchen Nachweis. Daher trug eine europäische Arbeitsgruppe die Daten aus acht Studien zu diesem Thema zusammen (n = 5324). Das mediane Follow-up betrug 180 Tage.
Es zeigte sich keine signifikante Überlegenheit bezüglich der Mortalität in der Patientengruppe mit früher invasiver Intervention, verglichen mit verzögertem Vorgehen (Hazard Ratio 0,81, nicht signifikant). In Analysen nur mit Hochrisiko-Patienten fand sich allerdings eine reduzierte Mortalität, wenn kardiale Biomarker anfänglich schon erhöht waren (HR 0,76), ein Diabetes bestand (HR 0,67), der GRACE-Score über 140 Punkten lag (HR 0,70) oder die Betroffenen älter als 75 Jahre waren (HR 0,65, jeweils signifikant). Tests auf Interaktion zwischen den Subgruppen waren allerdings nicht eindeutig.
Die Datenerhebung war exploratorischer Art; daher halten es die Autoren für notwendig, dass in einer großen Bestätigungsstudie geprüft wird, ob die frühe invasive Intervention bei den definierten Hochrisiko-Patienten tatsächlich einen relevanten Nutzen hat oder nicht. WE

Kommentar

Zwei niederländische Kardiologen bemängeln, dass die Zusammenfassung mehrerer Studien nur einen schwachen Zuwachs bei der Hazard Ratio für die Mortalität brachte. Die Daten stammen außerdem aus der Zeit von 2000 bis 2016; in dieser Spanne haben sich die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten wesentlich weiterentwickelt. Das dürfte von Relevanz für das Timing der Interventionen bei ACS sein.

Damman P et al.: Timing of revascularisation for acute coronary syndrome. Ebd. 717-8
Quelle:

Jobs A et al.: Optimal timing of an invasive strategy in patients with non-ST-elevation acute coronary syndrome: a meta-analysis of randomised trials. Lancet 2017; 390: 737-46

Alle im Rahmen dieses Internet-Angebots veröffentlichten Artikel sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch Übersetzungen und Zweitveröffentlichungen, vorbehalten. Jegliche Vervielfältigung, Verlinkung oder Weiterverbreitung in jedem Medium als Ganzes oder in Teilen bedarf der schriftlichen Zustimmung des Verlags.

Ihr Zugang zu exklusiven Inhalten für Fachkreise

Login für Fachkreise

Neu registrieren

Passwort vergessen?