Toxische Alkohole

Praxis-Depesche 10/2018

Vergiftung mit unspezifischen Symptomen

Neben dem landläufigen Alkohol (Ethanol) gibt es Vertreter der Substanzklasse, die eigentlichen toxischen Alkohole, deren Einnahme oder Zufuhr zum Tod führen kann. Die rasche Diagnose einer solchen Vergiftung ist eine Herausforderung.
Zu den „toxischen Alkoholen“ zählen Methanol, Ethylenglykol, Isopropanol, Diethylenglykol und Propylenglykol. Alle mit Ausnahme von Isopropanol sind nicht direkt toxisch, sondern schaden durch ihre Metaboliten. Die Alkoholdehydrogenase (ADH) katalysiert die erste Oxidation dieser Substanzen. Die entstehenden Aldehyde werden durch die ADH weiter oxidiert zu Karboxylsäure-Metaboliten. Die ADH ist der kritische Faktor in der Produktion der toxischen Metaboliten. Der zusätzliche Konsum von Ethanol bremst die Giftproduktion.
Zu einer Methanol-Vergiftung kommt es z. B. durch das Trinken von Scheibenreiniger-Flüssigkeit, industrielle Produkte oder gepantschte Spirituosen. Ethylenglykol wird manchmal Spirituosen zugesetzt, um damit Selbstmord zu begehen. Isopropanol findet man in Waschalkohol, Handdesinfektionsmitteln oder verschiedenen Industrieprodukten. Diethylenglykol ist enthalten in Bremsflüssigkeit und Industrieprodukten, aber auch in oralen Medikationen für Kinder. Propylenglykol ist in vielen Konsumprodukten enthalten; Vergiftungen kommen bei langdauernder Infusion von Medikamenten wie Lorazepam vor, in denen es als Lösungsmittel dient.
 
Die Symptome sind vielfältig
 
Die Alkohole trüben zunächst das Sensorium ein und führen später zu Organdysfunktionen. Unter Methanol wird das Sehvermögen eingeschränkt, es kommt zu Lungendysfunktion, abdominellen Schmerzen und Koma, manchmal zu Parkinson-ähnlichen Symptomen. Die klinischen Symptome entwickeln sich meist über sechs bis 24 Stunden; unter Ethanol-Konsum kann es 72 bis 96 Stunden dauern. Neurologische Folgen können sich Tage bis Wochen nach der Exposition einstellen.
Bei Ethylenglykol-Vergiftung bilden sich Oxalat-Kristalle, die sich in Lungen, Herz oder Nieren ablagern können. Kraniale Nervenschäden kommen vor. Unter Isopropanol trübt sich das Sensorium ein. Atemdysfunktion, kardiovaskulärer Kollaps, akute Pankreatitis und Laktazidose kommen vor.
Bei Vergiftung mit Diethylenglykol kann es zu Bauchschmerz, Übelkeit und Erbrechen, akuter Pankreatitis, verändertem Bewusstsein, Leberdysfunktion, zentraler und peripherer Neuropathie und akutem Nierenversagen kommen; letzteres ist oft tödlich. Neurologische Symptome treten nach fünf Tagen oder später auf.
Unter Propylenglykol entwickelt sich oft nur eine Osmolalitätslücke, doch kommen auch Laktazidose und akutes Nierenversagen bei den Patienten vor.
Angesichts der unspezifischen Symptomatik und ihrer Latenz sind Informationen über die Exposition sehr wichtig für die Diagnose. Die sichersten Labormethoden zur Erfassung der Intoxikationen sind Gas- oder Flüssigkeitschromatographie; diese Methoden sind aber sehr aufwändig und oft nicht verfügbar.
Zur Therapie bei Methanol- oder Ethylenglykol- Vergiftung können Infusionen basischer Flüssigkeiten dienen. Obwohl nicht von der FDA zugelassen, wird oft i.v. Ethanol als Antidot eingesetzt. Fomepizol, ein starker ADH-Inhibitor, sollte unmittelbar nach einer Dialyse appliziert werden, da es sonst ausgeschwemmt wird. Die Hämodialyse sollte zumindest in schweren Fällen eingesetzt werden. Nach Diethylenglykol kann Fomepizol allein effektiv sein, effektiver ist die Kombination mit Hämodialyse.
Nach Isopropanol reichen oft supportive Maßnahmen; in schweren Fällen ist auch hier eine Dialyse nötig. ADH-Hemmer sind hier kontraindiziert. Eine Propylenglykol-Vergiftung klingt meist ab, wenn die Zufuhr (über Medikamente) beendet wird. Eine Hämodialyse ist bei Laktazidose indiziert. WE
Quelle: Kraut JA et al.: Toxic alcohols. N Engl J Med 2018; 378: 270-80
ICD-Codes: F10.0
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