Schmerzbeurteilung | Praxis-Depesche 9/2018

Vorsicht vor stereotypischem Denken!

Männer geben Schmerzen seltener an als Frauen, und Frauen halten mehr Schmerzen aus als Männer. Von solchen Stereotypen sollte man sich bei der Beurteilung von Schmerzen hüten.

80 Ärzte und 89 Zahnärzte füllten einen Fragebogen aus, der geschlechtsspezifische Stereotypen in Bezug auf die Schmerzsensibilität und -toleranz von Patienten erfasste. 40% der Befragten waren Frauen, das Durchschnittsalter lag bei 45,6 Jahren. Im Ergebnis zeigte sich, dass sowohl weibliche wie auch männliche Ärzte glaubten, Männer würden ihre Schmerzen häufiger verschweigen als Frauen. Immerhin hinsichtlich der Schmerzsensitivität und -toleranz gaben die Ärzte keine geschlechtsspezifischen Unterschiede an.
Die Bedeutung solcher Stereotypen sollte man nicht unterschätzen, denn sie können auch Therapieentscheidungen beeinflussen. Der Glaube, dass Männer ihre Schmerzen eher für sich behalten und Frauen in diesem Punkt eher übertreiben, kann einen dazu verleiten, Männer tendenziell aggressiver zu therapieren als Frauen. Einige Studien deuten tatsächlich darauf hin, dass Schmerzen bei Frauen im Vergleich zu Männern häufiger unterbehandelt werden. Andere Studien fanden, dass Frauen häufiger Analgetika verschrieben wurden als Männern, was wiederum darauf zurückzuführen sein könnte, dass Frauen ihre Schmerzen tatsächlich häufiger angeben als Männer. Auch wenn an dem ein oder anderen Stereotyp etwas dran sein mag, sollte man als Arzt also besser nicht vorschnell urteilen und eine neutrale Therapieentscheidung treffen. OH

Quelle:

Wesolowicz DM et al.: The roles of gender and profession on gender ... J Pain Res 2018; 11: 1121-8

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